ergo im netz. Das Weblog für Ergotherapeuten

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Es gibt ja Therapie …

Ich lese viel, zu viel finden manche. Ich  mache auch nicht Halt vor dem Lesezirkel – Sie wissen schon, diese Zeitschriften, die beim Arzt oder im Café ausliegen – auch nicht, wenn es der Stern ist. Der hat nämlich diese Woche ein ganz interessantes Titelthema zu bieten: Störfaktor Kind. Zum gleichen Thema gab es letztens im ZEIT-Magazin einen Bericht über klagende Nachbarn von neu gegründeten Kindergärten.

Kein Platz nirgends für tobende, lärmende Kindergruppen. Der Stern spricht von der neuen Randgruppe Kind. Schon erschreckend das Ganze.

Dazu passen dann irgendwie die Berichte darüber, dass mittlerweile jedes vierte Kind in manchen Gegenden Deutschlands Ergotherapie bekommt. Werden die Ergos zu Therapeuten des schlechten Gewissens unserer Gesellschaft?

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  1. Klagen gegen Kitas

8 ResponsesLeave one →

  1. Gar nicht, wir sind zu schwer damit beschäftigt den Kindern das Nachholen von Erfahrungen zu ermöglichen, die sie vor 20 Jahren ganz selbstverständlich gemacht hätten. Aber in Zeiten der Helikoptereltern ist das bekanntlich nicht mehr so einfach – brrr…grusel…

    Nicht meine Tasse Tee, die Pädiatrie, aber ein gutes Geschäft für freiberufliche Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten, zumindest in Österreich…

  2. ergo scriptum

     /  18. Juli 2010

    Hallo Markus, Helikoptereltern, noch nie gehört, diesen Ausdruck, aber trotzdem sofort gewusst, was es ist. ;-)

    Die Eltern waren ja nicht immer Eltern und haben eine bestimmte Sozialisation erfahren, die sie nun in ihre veränderten Lebensbedingungen mitnehmen. Man hat vor dem Elternsein auch nicht mehr so viele Berührungspunkte mit Kindern. Da kann man sich nicht wirklich an Nachbarskindern, Neffen und kleineren Geschwistern ausprobieren.
    Und dann auch noch die kinderfeindliche Architektur in Städten und Häusern! Und die Angstmache in den Medien, sodass man nicht mehr wagt, seine Kinder unbeaufsichtigt nach draußen zu lassen.

    Das ist alles, glaube ich, nicht nur auf die Eltern zu schieben. Wobei: ich bin befangen, da ich selbst Kinder habe. Aber da merke ich, wie viel Kraft es kosten kann, nicht ständig die Kinder zurückzupfeifen, weil irgendeiner sich gestört fühlt. DAS kann man nämlich heute ziemlich offen tun: über Kinder meckern, ohne dass gleich eine Welle der Empörung über einen hereinbricht.

    Ich bin mir nicht sicher, inwieweit das mit den steigenden Zahlen therapierter Kinder zusammenhängen könnte. Dass es einen Zusammenhang gibt, kann ich mir aber gut vorstellen.

  3. Dass mehr Kinder ergotherapiert werden, hängt imho eher mit der Fokussierung der Eltern auf Gesundheitsthemen zusammen – die Kinder sollen geformt, optimal trainiert und gestärkt werden – für ihren Erfolg ;)

    Erschreckend, was sich da in Hamburg abspielt (Zeit-Artikel). Aber, Kinderfeindlichkeit hat in Deutschland eine lange Tradition. In den 1960ern gabs diese hübschen Schilder “Toben verboten”. Auch später war “Kein Platz nirgends für tobende, lärmende Kindergruppen”, in Berlin wurden die ersten alternativen Kinderläden gegründet.

    Wobei ich mir, ehrlich gesagt, auch keine Kita in der unmittelbaren Nachbarschaft meines Büros wünschen würde – aber ich würde mich wohl damit abfinden, wenns denn so wäre, oder meinen Tagesablauf anpassen. 10 gleichzeitig schreiende Kinder kann ich nicht wirklich toll finden, Hut ab vor den starken Nerven der Erzieherinnen *gg

    Die Frage ist auch, ob Kinder grundsätzlich lärmend und laut sind – ich beobachte, dass sie oft von den Erwachsenen dazu angestachelt werden, oft schreien die Eltern lauter als ihre Kinder. In den Waldorfkindergärten z.B. ist es wesentlich leiser und die Kinder sind nicht weniger lebhaft.

    Vielleicht finden die Kinder nur noch schreiend Gehör?

  4. ergo scriptum

     /  19. Juli 2010

    Liebe iBa, zum Glück sind Kinder ja nicht nur laut! :-)
    Und Dein Hinweis auf die Leute in den 60igern relativiert den Trend vielleicht etwas, zumindest wenn man weiß, dass die Medien auch gewissen Trends folgen.

    Dass Kinder in Waldorfkindergärten weniger aufdrehen, ist interessant! Und ich gebe dir absolut recht: wie man in den Wald reinruft so schallt es hinaus. Trotzdem: johlende Kindergruppen, die in den Straßen spielen (ohne zu randalieren, meine ich), die gibt es tatsächlich nicht mehr weitverbreitet sondern höchstens wohldosiert. Das vermisse ich für meine Kinder und sehe, wie schwer es ist, ihnen das zu ermöglichen, wenn man nicht gerade auf dem Land wohnt. Aber selbst da klappt’s immer seltener.

    Dass Eltern für ihre Kinder die besten Startbedingungen wollen ist ja einerseits nachvollziehbar, andererseits sind für diese Wünsche nicht die Ergos und das Gesundheitssystem heranzuziehen. Und die Frage ist ja auch, was gute Startbedingungen überhaupt sind und wie sie erreicht werden. Da läuft m.E. einiges schief.
    Spielen und eigene Erfahrungen machen halte ich für unterbewertet.

  5. Zufälle gibts… ich lese den Artikel gerade als ein fünfjähriges Nachbarsmädchen gerade lauthals mitten auf der Straße unter meinem Fenster ihre Interpretation von Elvis abliefert!
    Was zu heftigen Lachkrämpfen meinerseits führt (ich überlege schon, ob ich nicht ein paar Münzen aus dem Fenster werfe!).

    Generell möchte ich nur anmerken, dass man wohl zwischen Lärm und Lärm unterscheiden muss.
    Lärm in Sinne von Lebhaftigkeit würde ich gar nicht als Lärm bezeichnen – obwohl er sicher oft so verstanden wird. Das Mädchen unter meinem Fenster ist – laut! so richtig laut!
    Aber ich würde das nicht als Lärm bezeichnen.

    Ein voll aufgedrehter Gettoblaster wäre hingegen für mich Lärm…

    Die Welt um uns wäre ohne uns eigentlich recht leise, laut wird es nur, wenn etwas nicht passt, wenn Gefahr droht, wenn die Dinge in Unordnung kommen.
    In der Natur ist Lärm ein Warnsignal und ich denke dies trifft auch auf die Menschen zu.
    Desto mehr (negativer) Lärm vorhanden ist, desto eher stimmt etwas nicht.
    Für Kinder und Jugendliche ist somit meiner Ansicht nach das Lärmen die natürlichste Möglichkeit, ein vielleicht nur unbewußt gespürtes Missbehagen zum Ausdruck zu bringen.

    Leider wird darauf nur selten adäquat reagiert, zu oft wir negiert oder in eine Therapie abgeschoben, das Problem wird dann nicht gelöst sondern nur verdrängt…

  6. @ ergo scriptum:mit der Sozialisation der Eltern magst du recht habe, das ist für mich aber keine ausreichende Begründung für das Verhalten, das diese teilweise an den Tag legen. Eine unserer Dozentinnen (Psychologin und Hebamme) vertritt die Ansicht, das Eltern heute mit einem deutlichen “zu viel” an Information versorgt werden, und auf diese Weise verlernen, ihrem eigenen Gefühl zu vertrauen – dem stimme ich vollinhaltlich zu.

    Zum Wohnen in der Stadt kann ich kaum was sagen, ich wohne am Land, kaufe Brot, Milch und Eier beim Bauern – und habe nicht vor daran in absehbarer Zukunft was zu ändern. Ich kann mit aber sehr gut vorstellen, dass das Leben in Großstädten für Kinder ganz eigene Probleme bereithält (Bibliothek statt Wald…).

    Auch mit der medialen Angstmache hast du recht, trotzdem: die Kinder müssen raus, müssen mit ihresgleichen interagieren lernen und müssen sich in (altersgerechter) Selbständigkeit üben – das ist halt mal so, und wenn diese Dinge vernachlässigt werden, treten gravierende Probleme auf.

    @iBa: ich gehe mal davon aus, dass der erste Absatz deines Kommentars ironisch gemeint war – die Eltern die ich kenne, die für ihr Kind Ergotherapie in Anspruch nehmen, tun dies, um Entwicklungsverzögerungen, Grafomotorikstörungen und Lese-/Rechtschreibschwächen zu therapieren – von “optimaler Formung” kann da keine Rede sein, eher von “Schadensbegrenzung”.

    Ich rede hier auch deshalb leicht, weil ich “mein” Kind erst kennengelernt habe, als es vier Jahre alt war (wie die Jungfrau zum Kind, sozusagen), ich bin also nicht mit den klassisch elterlichen Ängsten behaftet, zumindest nicht so stark, und ich bin immer bestrebt Selbständigkeit zu fördern und Erfahrung zu ermöglichen – Belohnungen sind geringer Fernsehkonsum und bleibende Erlebnisse unter Sternenhimmeln…

  1. Klagen gegen Kitas | ergo im netz. Das Weblog für Ergotherapeuten

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